Bombays Kinos zeigen seit einer Woche den Kinofilm „Valkyrie”, der bei uns unter anderem wegen der Scientology-Anhaengerschaft des Hauptdarstellers Tom Crouise schon seit Monaten kontrovers diskutiert wird. Natuerlich war ich neugierig auf den Film - nicht nur weil ich sehr an der Konstruktion von Historizitaet im Spielfilm interessiert bin, sondern auch weil der Streifen trotz aller Kontroverse gar nicht mal schlechte Kritiken bekommen hat.
Der Menge an Zuschauern am Donnerstagabend im Cinemax Sion nach zu urteilen, ist das Interesse fuer den Film hier nicht besonders ausgepraegt: Lediglich die letzten beiden Reihen des durchschnittlich grossen Kinosaals waren besetzt. Und dass obwohl in Indien die Faszianation fuer die Person Adolf Hitler und die Aera des 3. Reiches in Deutschland ungewoehnlich stark ist. „Mein Kampf” gibt es in jedem Buchladen und auf der Strasse - womoeglich findet das in Deutschland einst meistbesessene aber ungelesenste Buch hier nachraeglich seine Leserschaft. Der Mann der es vermochte von der Strasse zum Fuehrer aufzusteigen, verkoerpert hier einen unheimlich anmutenden Mythos.
Aber zurueck zum Film: Irritierend ist zunaechst, dass die englische Kinofassung auf deutsch beginnt. Waerend Stauffenberg einen Brief an seine Frau formuliert dringen nicht ganz akzentfreie aber untertitelte deutsche Worte an das Ohr des Zuschauers, die nach einigen Zeilen in englische Sprache uebergehen. Im weiteren Verlauf des Films ist es zwar etwas obskur, wenn wohlbekannte deutsche Namen und Begriffe in breitem amerikanischen Englisch ausgesprochen werden, allerdings gewoehnt man sich schnell daran. Woran ich mich allerdings nicht so schnell gewoehnen konnte, waren die Lacher des indischen Publikums, die manchmal so deplatziert wie nur moeglich den Saal erfuellten. Bemerkenswert war, dass meistens an Stellen gelacht wurde, an denen das Scheitern der Stauffenberg-Gruppe offensichtlich und absehbar wurde. Aber nicht nur die Lacher waren interessant. Neben mir sassen drei Zuschauer um die 30, von denen eine junge Frau den ganzen Film hindurch Kommentare zum Film formulierte um ihre beiden Freunde mit ihrem scheinbaren Geschichtswissen zu beeindrucken. Der beste Kommentar dieser Art kam, als von der SS die Rede war. Sie uebersetzte das Akronym fuer ihre Freund kurzerhand und kommentierte: „SS means Secret Service.” Da musste ich auf einmal selbst deplatziert lachen! Und auch als meine Nachbarin bereits das dritte mal die Aussage „nice dialogues in this movie” getroffen hatte - und dass auch an Stellen an denen eindeutig Monologe gesprochen wurden - konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Natuerlich klingelten waerend des Films auch Telefone und die Gespraeche wurden selbstverstaendlich entgegengenommen. „I’m just sitting in this picture about the Hitler thing.”, ertoente es einmal drei Plaetze entfernt von mir. Als Stauffenberg seine Frau ueber seine Plaene aufklaert und ihr deutlich machte, dass er im Falle seines Scheiterns hingerichtet wuerde und auch sie und Kinder womoeglich verfolgt wuerden, gibt es eine Szene in der Frau von Stauffenberg sich aengstlich die Hand auf den Bauch legt. „Oh my god she is pregnant” erschallte es daraufhin lautstark neben mir. „Thats why I like english movies!”, erklaerte daraufhin ein Kerl in der gleichen Reihe. Ich weiss nicht was am Ende interessanter war, die Reaktionen des Bombayer Publikums oder der Film.
Dieser kam anders als von mir erwartet mit erstaunlich wenig Pathos und Heldenverehrung aus. Stattdessen wurde sehr nah an der historisch angenommenen Wahrheit erzaehlt, auch wenn einige Details offensichtlich hinzukonstruiert wurden, so zum Beispiel Vier-Augen-Gespraeche ueber die es keine Belege gibt oder auch die beruehmte Aktentasche, die von einem Wehrmachtsgeneral unbewusst weiter unter den schweren Kartentisch geschoben wird, so dass Hitler das Attentat womoeglich dank des guten deutschen Eichenholzes ueberleben konnte. Was dem Film meiner Meinung nach gut gelingt ist die Darstellung der Motivation fuer das Attentat. Es wird relativ klar herausgestellt, dass die Stauffenberg-Gruppe nicht vordringlich aus moralischen Gruenden handelte, sondern vielmehr aus patriotischen: Das „Heilige Deutschland” steht vor dem Untergang und der Oberbefehlshaber ueber die Streitkraefte, Adolf Hitler, scheint den Verstand verloren zu haben.
Noch bevor Stauffenberg mit den Worten „Fuer unser heiliges Deutschland” auf den Lippen erschossen wird, wurde in der Kinovorstellung bereits der Hinweis „Take care of your personal belongings” ueber das gesamte Bild eingeblendet. Die Zuschauer waren schon aus dem Saal bevor der Abspann begonnen hatte. Ich haette mich gerne einmal mit der dreikoepfigen Gruppe neben mir ueber ihr Verstaendnis des Films unterhalten, allerdings waren sie so schnell verschwunden, dass mir die Moeglichkeit leider verwehrt blieb.

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